Der Narr

Entschlossen und mit frischem Elan macht der Narr sich auf - auf eine längere Reise offensichtlich, denn das Bündel ist gepackt und einen Stock für schwierige Wegstrecken hat er auch. Übermütig begleitet ihn sein Hund, in der Hand hält er eine Blume. Doch hoppla: Sieht er denn die Klippe nicht, auf die er den Fuß setzt? Ist das Mut oder Leichtsinn, echtes Selbstvertrauen oder bloße Großspurigkeit?
Ob er hilflos stürzt oder behände springt, bleibt unserer Phantasie überlassen. Vergessen wir aber nicht, dass er in seinen animalischen Instinkten, versinnbildlicht durch den Hund, so sehr sie ihm manchmal zu schaffen machen mögen, zugleich einen verlässlichen Schutz bei sich hat. Auch sein Streben nach echter Erkenntnis und Selbstentfaltung, symbolisiert in der weißen Blume, wird schon für Umsicht sorgen. Vielleicht weiß er ja tatsächlich nicht, was sein gewagter Sprung mit sich bringt und wie er danach wieder aufkommt. Aber geht es uns nicht ab und zu selbst so? Manchmal muss man eben ein ganz klein wenig mutiger handeln als man eigentlich ist, wenn es gilt, einen wichtigen Schritt zu tun. Und ob ihm Flügel wachsen, wenn er zu fallen droht - die Ärmel seines Gewandes scheinen ja prächtig dazu geeignet - oder ob er abstürzt und am Ende, will er nicht ertrinken, die Suppe selbst auslöffeln muss, in die er sich da hineingebrockt hat, das muss er einfach ausprobieren.
Dass der Narr so jung ist, mag ich nur zum Teil als Unerfahrenheit interpretieren. Sie spielt zwar sicherlich eine Rolle, denn schließlich sind wir auch hoch betagt doch unerfahren, wenn wir noch einmal etwas Neues beginnen. Weil aber der Narr auch auf der Karte nicht ganz am Anfang steht - immerhin muss er ja schon auf die Klippe hinaufgestiegen sein, bereits also ein Stück Weg zurückgelegt haben - ist seine Jugend für mich eher Alterslosigkeit, eine innerlich bewahrte Kindlichkeit: Neugier, Lebenslust, Erkenntnisdrang, Wagemut und Spielfreude. Mit der Zeit mag die innere Gewissheit um die Zyklen des Lebens, um den steten Kreislauf von Abschluss und Neubeginn, das Empfinden des Stirb und Werde hinzukommen.
"Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne" - so besehen könnte man ihn sich glatt zum Vorbild nehmen, diesen Narren.

Wenn der Narr auftaucht, sollten Sie dennoch immer besonders gut hinsehen. Täte Ihnen in der aktuellen Situation etwas Narrenfreiheit, etwas von der Unbefangenheit des Narren gut - oder sind Sie dabei, sich zum Narren zu machen? Manchmal ist der Narr auch ein Hinweis darauf, sich das Gelände vor dem Sprung gründlicher anzusehen -- look before you leap weiß die englische Redensart: erst denken, dann handeln.

Können Sie mit dem Narren an der Stelle im Kartenbild (Legesystem), an der er aufgetaucht ist, auch bei sorgfältigster Deutung der anderen Karten nichts anfangen oder bleibt er Ihnen als einzelne Karte, die Sie zu einer Frage oder einem Problem gezogen haben, ein unlösbares Rätsel? Seien Sie nicht allzu besorgt: Tarot ist ein Spiel und der Narr macht es lebendig. Vielleicht sollten Sie einfach noch einmal eine Karte ziehen (und sie dann zusammen mit dem Narren deuten).

Zu den Narren aus meiner kleinen Tarotsammlung, die mir besonders gut gefallen, gehören: Die Närrin aus dem Motherpeace Tarot, Die Träumerin aus dem Daughters of the Moon Tarot und der Narr aus dem Golden Dawn Tarot, die alle drei auf ganz unterschiedliche Weise das Prinzip des göttlichen Narren und den Kreislaufs des Werdens und Vergehens darstellen. Erfrischend fröhlich ist der Narr aus dem Kinder-Tarot, der augenzwinkernd auf seinem fliegenden Teppich sitzt. Mit der Affirmation aus dem Begleittext zu diesem Tarot möchte ich schließen: "In mir sind alle Möglichkeiten, das Neue zu gestalten." (Klaus Holitzka & Marie-Louise Bergoint, Kinder-Tarot Set, Schirner Verlag, Darmstadt, 1997)