Leseprobe aus
Vivianne Crowley
Wicca



Wicca ist ...

Hexenkunst ist nicht bloß Magie. Wicca ist eine heidnische Mysterienreligion von Göttin und Gott. Außerdem ist es auch eine Naturreligion.
   Eine Hexe betreibt Magie und verehrt eine Göttin – die Große Muttergöttin – und den Gehörnten Gott, den Pan der griechischen Mythologie, den Herne oder Cernunnos der Kelten. Wicca basiert auf den Überresten einfacher heidnischer Traditionen wie sie in Legenden und ländlichen Bräuchen erhalten blieben. Darauf aufbauend wurden anspruchsvollere Glaubensinhalte aus den eher formellen heidnischen Religionen Roms, Griechenlands und Ägyptens und aus den initiatorischen Mysterienreligionen übernommen. Wicca lehrt die Entwicklung magischer übersinnlicher Kräfte, stets jedoch Hand in Hand mit dem klugen und verantwortungsvollen Gebrauch. Ein Initiationssystem der spirituellen Entwicklung ist ureigener Bestandteil der Tradition.

Für uns Frauen ist Wicca ein spiritueller Weg, auf dem wir das Göttliche in seiner weiblichen Form verehren können – als die Göttin. Viele Frauen kommen vom Feminismus zu Wicca. Sie bewerten das Wort „Hexe“ neu und erkennen, dass es den Gebrauch der den Weisen Frauen angeborenen Kräfte meint. Auch Männer fühlen sich von der wicca-typischen Sicht des Göttlichen als Göttin und Gott angezogen. Entgegen landläufiger Meinung können Männer und Frauen Hexen sein. Die klassische männliche Hexe ist der ländliche Mann. Er lebt in innerer Verbundenheit mit den Elementen, hat den Boden bearbeitet, den gebrochen Flügel eines Vogels oder die Krankheit eines Kindes geheilt; er liebt die Göttin und kennt beide, Göttin und Gott.

In der modernen Gesellschaft macht das wachsende Umweltbewusstsein Wicca zunehmend attraktiver. Wicca ehrt das Göttliche als in der Natur manifest. Die Erde ist unsere spirituelle Mutter, und wir spüren, dass das Göttliche nicht „da oben“ ist, sondern überall um uns herum. Die Natur selbst ist heilig, eine Manifestation der Göttlichen Lebenskraft. Greenpeace, Vegetarismus und die Tierschutzbewegung sind Manifestationen einer wieder erwachenden Ehrfurcht vor der Erde. Für unsere Ahnen war das etwas ganz Natürliches, Instinktives, Jahrhunderte urbanen Lebens haben dieses Empfinden jedoch verdrängt. 

Die Initiation im Sinne einer persönlichen transformierenden Erfahrung des Göttlichen macht für manche zweifellos die große Attraktivität des Wicca aus. Einige Richtungen im Wicca kennen drei oder mehr Initiationsriten, die jeweils einen Übergang durch spirituelles Wachstum markieren. Diese Riten können spirituell wie psychisch kraftvoll wirkende Ereignisse sein, die das Leben verändern und schöner machen.

Die Ursprünge des Wicca 

Die Geschichte des Wicca ist die Geschichte der Naturmagie, der heidnischen Mysterienschulen wie der von Ägypten und Eleusis und der keltischen Spiritualität. Wicca greift zurück auf Mystik, Astrologie, Runen, Tarot und heute auch auf Erkenntnissen aus der Psychologie.  

Auch wenn die Praktiken, die ich hier beschreibe, europäischen Ursprungs sind, spiegelt Wicca universelle Glaubensinhalte. Ähnliche Traditionen gibt es auf der ganzen Welt; überall dort, wo einheimische Spiritualität nicht unterdrückt wurde. Die Renaissance des Wicca im 20. Jahrhundert begann in England, im heiligen Albion, der Heimat von Glastonbury, Stonehenge und der Gralslegende. Das ist wohl kein Zufall. Die Vorstellung, dass die westlichen Inseln Europas geweihtes Land und heiliger Boden seien, ist uralte Tradition. Die größten Druidenschulen der keltischen Ära befanden sich in Britannien und Irland, und im Mittelalter behaupteten die Gelehrten, Britannien sei ihren Ahnen von der Göttin Diana geschenkt worden.  Diese Verbindung zum Heidentum ist einer der Gründe, warum die Hexenkunst in England schneller wieder erwachte als in anderen Teilen Europas. Ein weiterer Grund liegt in der großen Distanz zwischen England und Rom. Das bedeutet, dass England später christianisiert wurde als andere Teile Europas und sich im Zuge der Protestantischen Reformation leichter von Rom löste. Der englische Protestantismus hatte nichts Fanatisches. Er führte Hexenverfolgungen nicht mit derselben Verbissenheit durch wie seine katholischen und protestantischen Nachbarn. Oft wird angenommen, Europa sei bereits seit 2000 Jahren christlich, aber das trifft nicht zu. Auch nach tausend Jahren lagen Christentum und Heidentum noch im Kampf mit einander. An den Rändern Westeuropas überdauerten viele heidnische Vorstellungen in einer Art und Weise wie sie anderswo unmöglich gewesen wäre. Hexenkunst und Heidentum lebten in ländlichen Gebieten als Bestandteil von Sitten, Gebräuchen und Volksmedizin fort. Das bedeutet nicht, dass nicht auch die herrschenden Gesellschaftsklassen von diesem Volksglauben wussten. Gemeinschaftliche Feiertage wie der 1.  Mai wurden von allen gefeiert. Dennoch wäre die Hexenkunst ohne das Werk eines Mannes im Verborgenen geblieben: Gerald Gardner, der durch seine Medienpräsenz berühmt wurde. Er zählte zu den ersten Hexen des 20. Jahrhunderts, die öffentlich von ihrer Überzeugung sprachen und andere daran teilhaben ließen. Gerald Gardners bekannteste Bücher, Witchcraft Today (1954, deutsch 1965 als Ursprung und Wirklichkeit der Hexen) und The Meaning of Witchcraft (1959, nicht ins Deutsche übersetzt) führten zur Bildung einer Bewegung, die sich über die ganze Welt verbreitete.

Urania Verlags AG

 

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