Leseprobe aus
Penelope Ody

Praktische Chinesische Medizin


Geschichtlicher Überblick

Wie bei vielen klassischen Heilweisen verlieren sich auch die Ursprünge der chinesischen Medizin im Nebel der Geschichte. Die Entdeckung der Kräuter, der Medizin und der Heilmethoden wird drei sagenhaften Kaisern zugeschrieben. 

Erste Anfänge

An einem fernen Ort, am Beginn der Welt, lebte Fu Xi, der erste mächtige Kaiser. Er brachte den Chinesen eine Universalphilosophie, aus der sich alle Naturerscheinungen erklären ließen und soll die ersten Akupunkturnadeln angefertigt haben.
Sein Nachfolger Shen Nong, der „göttliche Landmann“, lehrte die Menschen den Ackerbau und prüfte Hunderte Kräuter auf ihre Heilwirkung.
Huang Di, der Gelbe Kaiser, der oberste Herrscher des Universums, brachte den Menschen die Musik, die Medizin, die Mathematik, die Schrift und die Waffen.
Nach der Überlieferung lebten diese drei Sagengestalten in der Zeit zwischen 4000 und 2500 v.u.Z. Ist ihre Existenz auch unbewiesen, so wurden ihre Lehren doch bewahrt und von späteren Generationen niedergeschrieben.
Fu Xis Bagua der Trigramme  ist auch heute noch die Grundlage des I Ging, das bei schwierigen Entscheidungen und in der Divination zu Rate gezogen wird. Das Shen Nong Ban Cao Jing (Der Arzneiklassiker des Göttlichen Landmanns) ist das älteste der berühmten, noch heute zitierten  Kompendien chinesischer Kräuter. Huang Dis Nei King Su Wen (Der Klassiker zur Inneren Medizin), Dialoge über Krankheit und Diagnose mit seinem Minister Wu Peng, war viele Generationen lang das wichtigste Lehrbuch chinesischer Ärzte.
Experten datieren diese frühen Schriften im Allgemeinen zwischen 500-400 v.u.Z., obwohl sie sicher auf wesentlich älteren Überlieferungen aufbauen. Die darin beschriebenen Heilmittel und Behandlungsformen werden auch heute noch angewandt: Shen Nongs Großes Herbarium empfiehlt die chinesische Engelwurz (Dang Gui) zur Regulierung des Menstruationszyklus und Ephedra (Meerträubel, Ma Huang) als Arznei gegen Asthma. In der modernen Medizin wird Ephedrin, ein ursprünglich aus dieser Pflanze gewonnener Wirkstoff, bei verschiedenen asthmatischen Beschwerden eingesetzt.

Taoismus

Der Taoismus erachtet die Tugend als den idealen Weg zu Wohlstand, langem Leben und Unsterblichkeit. Tugend bedeutete ein Leben im Einklang mit der Natur und in Harmonie mit allen Dingen. Diese enge Verbindung zur Natur ist ein weiteres wesentliches Merkmal der chinesischen Auffassung von Gesundheit und Medizin, deutlich erkennbar in der Fünf-Elemente-Lehre (siehe Seiten 12-13) und der wichtigen Rolle von Yin und Yang (siehe Seiten 10-11).
Auch in China hatte man damals kein vollständiges Bild der menschlichen Anatomie und Physiologie; eine Chirurgie im heutigen Sinne existierte nicht. Der Arzt konnte nur aus äußeren Anzeichen auf Vorgänge im Körper schließen, die Vorstellung von Mikroorganismen als Krankheitserregern war unbekannt.
Taoistischer Auffassung entsprechend wurden Krankheit und Gesundheit stattdessen – ähnlich wie bei Hippokrates– mit der äußeren Umgebung in Zusammenhang gebracht. Ein Leiden galt als Folge äußerer Übel oder einer Disharmonie der Energieströme, die im Körper in bestimmten Leitbahnen oder Meridianen (ähnlich unserem Blutgefäßsystem) verlaufend gedacht wurden.
Im vierten Jahrhundert v.u.Z. entwickelte Qin Yueren als Erster die vier Diagnosetechniken der chinesischen Heilkunde. 

Die fünf Ärzte
Um 3000 vor unserer Zeitrechnung kannte man in China fünf Stufen der ärztlichen Kunst, durch die der ganze Mensch – von der geistigen Disharmonie bis zu rein körperlichen Störungen - geheilt werden konnte.

Der Weise: der höchste Arzt. Er heilt den Geist und weist seinen Patienten den richtigen Lebensweg.

Der Nahrungsarzt: wendet auch Kräuterarzneien an (denn Nahrung und Kräuter sind eng verbunden).

Der Allgemeinarzt: behandelt durch Akupunktur, Akupressur, Massage, Moxibustion und den Pflaumenblütenhammer.

Der Chirurg: heilt Knochenbrüche.

Der Tierarzt: behandelt Pferde und Hunde, nicht jedoch Menschen.
 

Therapieformen

Zwar beschreiben die ältesten Aufzeichnungen aus der chinesischen Medizin weitgehend eine Kräuterheilkunde, wir wissen aber, dass auch andere Behandlungsformen existierten, etwa die Akupunktur. In Gräbern aus der Han-Dynastie (206 v.u.Z. - 220 u.Z.) fand man Gold- und Silbernadeln, und das Nei Jing erklärt die verschiedenen Energieleitbahnen oder Meridiane, entlang derer behandelt wurde. Die ersten Schriften über Akupunktur datieren aus der Zeit um spätestens 1500 v.u.Z., viele detailliertere Texte aus dem ersten Jahrhundert u.Z..
Andere Behandlungsmethoden stammen aus ähnlicher Zeit: Seidenmalereien aus Han-Gräbern des zweiten Jahrhunderts v.u.Z. zeigen gymnastische Übungen, die dem T’ai Chi bemerkenswert ähnlich sind (siehe Seiten 130-135). Eine weitere Schrift, das sogenannte Zhuangzi, um 300 v.u.Z., erklärt die belebende Wirkung regelmäßiger Atemübungen, die etwa dem Qigong (siehe Seiten 126-129) entsprechen.
 

Interessante Zeiten meiden

In China war man der Auffassung, dass Veränderung und Wandlung zu meiden sei. So gilt die Redensart „Mögest du in einer interessanten Zeit leben“ eher als Fluch denn als Segen.
  Daher bewegte sich die chinesische Kultur etwa 5000 Jahre lang in festen Bahnen, dramatische Entwicklungen wie im Westen waren unbekannt – es gab keine religiösen Umwälzungen, keine Barbareninvasionen, die das Bestehende verändert hätten, und es bestand wenig Interesse an Entdeckungen oder Handelsbeziehungen über bestimmte, klar definierte Grenzlinien hinaus. So überlebte eine extrem hierarchisch strukturierte, konservative Gesellschaft, die Glauben und Handeln ihrer legendären Gründer allmählich fortentwickelte.
 

Kräutervielfalt

Die Zahl der Kräuter wuchs ständig: 361 in Shen Nongs Kräuterbuch, 730 in der Neuausgabe von Tao Honjing aus dem sechsten Jahrhundert, 744 in der dritten, revidierten Ausgabe von Su Jing von 659 und 1.746 im Zheng Lei Ben Cao von Tang Shen-Wei 1082.
Solche Kräuterbücher enthalten nicht nur Pflanzen. In China verwendete man von Anfang an auch Mineralien und tierische Bestandteile zu Heilzwecken. Li Shi Zhen (1518-1583) nennt in seinem Kompendium der Materia Medica (Ben Cao Gang Mu) 1892 Pflanzen, Tiere und Mineralien.
Li Shi Zhen, der auch das Lehrbuch der Pulsdiagnose verfasste, beschreibt 11.096 Kräuterrezepte.
  Im 17. und 18. Jahrhundert entstand eine Flut medizinischer Schriften, so der Yizong Jinjan (Der Goldene Spiegel der Medizin), den chinesische Medizinstudenten heute noch lesen. Alle Werke folgten den Prinzipien des Gelben Kaisers und spiegelten die Fünf-Elemente-Lehre und die Theorie von Yin und Yang.
 

Volksheilkunde

Die Lehren des Gelben Kaisers und Li Shi Zhens Heilmittel sind nur eine Variante der chinesischen Medizin, die obendreinden wohlhabenden oberen Gesellschaftsschichten vorbehalten war. Die chinesische Volksheilkunde war wesentlich einfacher. Hausrezepte wurden in den Familien über Generationen weitergegeben, über die abgelegenen Dörfer zogen wandernde Heiler, die auf ein bestimmtes Fachgebiet spezialisiert waren.
  „Glockenärzte“ nannte man diese, denn sie pflegten ihre Ankunft mit einer Glocke zu verkünden. Sie verwendeten die Kräuter, die sie vor Ort finden konnten, oft andere als die in den klassischen Kräuterbüchern erwähnten. Wie überall arbeiteten auch diese Volksheiler mit einer Mischung aus Schamanismus, Kräuterheilkunde und Ritualen.


Erste Europäer

Seit dem 18. Jahrhundert brachten Missionare mit dem Christentum auch die westliche Medizin. Damit traten die Wissenslücken der Chinesen in Anatomie und Physiologie deutlich zu Tage.
  So lernte man aus Leichenöffnungen, dass in der Lunge nicht 24 Löcher den Atem regulierten und dass das Herz mit Gedächtnis und Gedanken kaum etwas zu tun hatte, sondern dass diese Aufgaben einem bisher recht vernachlässigten Organ zukamen, nämlich dem Gehirn.
  Bald reisten chinesische Ärzte zu weiteren Studien ins Ausland – der erste, Huang Kuan, besuchte in den 1860er Jahren die Universität Edinburgh – und bereits in den 90ern gab es in Hongkong eine Universität für Westliche Medizin. Als 1911 die erste Chinesische Republik gegründet wurde, versuchte die Regierung sogar, die traditionelle Medizin zugunsten der westlichen zu unterdrücken.
  Im ländlichen China praktizierten zwar nach wie vor die „Glockenärzte“, doch die Schulen der Traditionellen Medizin wurden verboten und die klassischen medizinischen Schriften als unwissenschaftlich verworfen. Die traditionelle Medizin überlebte weitgehend durch die chinesischen Emigranten.
 

Veränderung und Neuanfang

1949 änderte sich alles. Die Kommunisten rissen die Macht an sich und erhoben die Verbesserung der Volksgesundheit zu oberster Priorität. Neue Schulen der Traditionellen Medizin wurden gegründet, ergänzt von einem Netz sogenannter Barfußärzte, die grundlegende medizinische Kenntnisse besaßen und die schlechte medizinische Versorgung auf dem Land verbessern sollten. Auch die alten Heilmittel wurden wieder entdeckt. Man errichtete neue pharmazeutische Fabriken, die in großen Mengen Medikamente für den freien Verkauf produzieren sollten.
  Heute sind traditionelle Heilmittel in ganz China frei erhältlich, und Tausende ausgebildeter chinesischer Ärzte reisen in den Westen um in Europa und Nordamerika dem wachsenden Interesse an den Behandlungsmethoden nachzukommen. Zugleich formulieren westliche Arzneimittelfirmen klassische traditionelle chinesische Rezepturen für die Massenproduktion um.

Urania Verlags AG

 

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