Leseprobe aus
Peter Harbison
Zwischen Magie und Moderne - Irland
Antike Stätten
Nur eine archäologische Zufallsentdeckung könnte sie zutage fördern: die Siedlungen der ersten irischen Bauern – Hütten, hauptsächlich aus Holz und Stroh, düster und raucherfüllt und ohne die leiseste Andeutung heutigen Komforts. In strengem Kontrast zu diesen Wohnstätten stehen die frühesten erhaltenen Häuser der Toten, beeindruckende Steinhügel unter denen die sterbliche Hülle der Vorfahren ruhten und als die Überreste derer verehrt werden konnten, die das Land urbar gemacht und den Nachkommen erhalten hatten.
Es sind Megalithgräber – oberirdische Grabstätten aus großen, zuweilen massiven Steinen, die Bände sprechen über das große Geschick der Steinzeitmenschen im Umgang mit ihren primitiven Werkzeugen. Man kann nur staunen, wie Deckelsteine von 20 oder 30 Tonnen Gewicht offenbar mit größter Leichtigkeit an Ort und Stelle gehievt wurden und ihre Position mit der Anmut einer Ballerina über Jahrtausende beibehielten. Sie wurden errichtet, um bei den Zeitgenossen Ehrfurcht zu erwecken, und selbst heute noch verlangen sie uns Bewunderung und Achtung ab.
Diese Steingräber kommen in unterschiedlicher Gestalt und Größe vor. Am bekanntesten sind die Ganggräber, so benannt nach dem Gang, der vom Grabeingang zur zentralen Grabkammer unter einem großen, halbrunden Hügel führt, aufgeschüttet zumeist an exponierter Stelle auf einer Erhebung, wo er in weitem Umkreis sichtbar war. Den Gang und das in etwa zentral gelegene Grab haben sie im Prinzip mit den wesentlich bekannteren Pyramiden in Ägypten, den Grabmälern der Pharaonen, gemein, unterscheiden sich von diesen aber in wesentlichen Details wie etwa der Hügelform, Mehrfachbestattung, Datierung und Ausgestaltung. Es mag überraschen, daß die irischen Ganggräber teilweise mehr als ein halbes Jahrtausend älter sind als die Pyramiden und so einzelne Exemplare wie Newgrange oder Knowth zu den ältesten architektonischen Meisterleistungen der Welt gehören. Errichtet wurden sie von genialen Steinmetzen und Handwerkern, die sich auf den Umgang mit Stein und die Anlage massiver Hügel verstanden, wobei Hunderttausende Tonnen Material einen sorgfältig geplanten Gang samt Grabkammer bedeckten. Ganze Armeen von Schwerstarbeitern müssen dazu erforderlich gewesen sein.
Irische Ganggräber hatten keine Sphinx, die davor Wache hielt, dafür aber ebenso rätselhafte Ornamente aus runden und eckigen Motiven, mit denen der Stein vor der Aufstellung behauen wurde – Doppel- und Dreifachspiralen, Rauten, gezackte Linien, gewöhnlich abstrakt und vielleicht Holz- oder Wandteppichmustern aus den Häusern der Lebenden entnommen. Hier wurden sie nun in beständigen Stein gehauen, damit sich die Toten auf ewig zu Hause fühlen sollten. Ganz selten entdeckt man ein stilisiertes menschliches Gesicht, das wie der Komtur in Mozarts Don Giovanni zum Leben erwacht, uns über die Jahrhunderte hinweg jedoch einen freundlicheren, prüfenden Blick zuwirft. Was gäben wir nicht darum, wenn diese stummen, herrlichen Gestalten sprechen könnten! Zuweilen erinnern die Spiralornamente an Malta und Mykene, dessen berühmtestes Grab, das sogenannte Schatzhaus des Atreus, eine vervollkommnete und äußerst fein gemeißelte Spielart der wesentlich gröberen und primitiveren Ganggräber wie Newgrange darstellt – das aber eben auch mehr als ein Jahrtausend jünger ist.
Eher einfacher sind die Dolmen, Monumente, die auf den ersten Blick zu erfassen sind und den Betrachter sofort ansprechen: Bis zu sieben Steine ragen steil in den Himmel und tragen einen oder zwei Decksteine, Ensembles, die in ihrer Wirkung den besten modernen abstrakten Skulpturen in nichts nachstehen. Einige waren vielleicht ursprünglich von Erdhügeln bedeckt, andere wohl nicht. Hier standen die Steine in ihrer monumentalen Aussage für sich.
Stünden wir heute vor der Aufgabe, ohne Flaschenzug oder Kran einen Dolmen zu bauen, gewännen wir wahrscheinlich rasch den Eindruck, daß nur Riesen diese hühnenhaften Monumente errichtet haben können. Und das waren die Baumeister wohl aucj, was iher Fertigkeiten anbelangt – die Steinzeitversion moderner Raketenbauer. Von der Statur her dürften sie aber eher klein gewesen sein, weniger gut genährt als wir und entsprechend weniger hochgewachsen. Diese robusten Menschen sind die Vorfahren der Iren. Durch weitere Forschungen zur DNA-Analyse könnte sich sehr wohl erweisen, daß ihr Beitrag zum irischen Genpool nicht unerheblich ist. Warten wie's ab.
In welcher Sprache die steinzeitlichen Bewohner Irlands sich verständigten, werden wir nie erfahren. Es gilt als unwahrscheinlich, daß ihr Idiom mit jenem gälischen Zweig des Keltischen verwandt ist, der zur Zeit St. Patricks und der Christianisierung im 5. Jahrhundert gepflegt wurde. Aber es wäre denkbar, daß in der Bronzezeit, die um 2000 v. Chr. auf die Steinzeit folgte, Menschen ins Land kamen – sicher in vergleichsweise kleinen Gruppen -, aus deren Sprache sich dann das Gälische entwickelte, das sich noch heute in einzelnen Landesteilen erhalten hat. Sie gehörten zu dem Volk der Kelten, bei den Griechen Keltoi genannt, das vior Ankunft der Römer über halb Europa verbreitet war. Die Frage, inwieweit die aus der Bronzezeit in Irland erhaltenen Stätten als keltisch bezeichnet werden können, ist nicht leicht zu beantworten. Mit Sicherheit trieben die Menschen dieser Epoche weniger Prunk um den Tod als ihre steinzeitlichen Vorfahren – sie begruben ihre Toten unter der Erde und hinterließen dabei außer einem kleinen runden Erdhügel kaum Spuren.
Zu den Spuren jedoch, die sich über der Erde erhalten haben, gehören Steinkreise, von denen viele eindeutig aus der Bronzezeit datieren. Einzeln, zuweilen auch in Gruppen entdeckt (wie bei Beaghmore im County Tyrone), sind uns diese Kreise auch heute noch ein Rätsel. Anders als bei den Megalithgräbern, ist zu Entstehung und Nutzung der Steinkreise nur wenig überliefert. Im puritanischen 17. Jahrhundert erklärte man einige Fundstätten mit einem einzelnen, aufrecht stehenden Stein außerhalb des Kreises zu einer Gruppe von Tänzern, die samt ihrem Flötisten, der ihnen außerhalb des Kreises aufgespielt hatte, in Stein verwandelt worden waren. Und warum? Weil sie es gewagt hatten, am heiligen Sabbat zu tanzen und ausgelassen zu sein. Wer weiß, vielleicht dienten die Kreise einst wirklich als Festplätze, die runde Kreisform läßt jedoch eher vermuten, daß sie Stätten zur Anbetung der Sonne waren – der Gottheit, die wohl auch die Erbauer der Ganggräber in Newgrange und anderswo verehrten. Mit gutem Grund wird vermutet, daß diese Steinkreise primitive Observatorien zur Beobachtung der Himmelskörper und ihrer Bewegungen darstellten. Solche Theorien zur Vorgeschichte lassen sich zwar nur schwer beweisen, doch ebenso schwer ist es, sie zu widerlegen.
Die Kulturdenkmäler, die sich aus den letzten tausend Jahren vor Christi Geburt erhalten haben, sind deutlich anderer Art – ebenso rätselhaft vielleicht, aber wehrhafter, bedrohlicher. Sie zeigen eine neue Art von religiöser und militärischer Machtentfaltung, die auch die notfalls gewaltsame Unterwerfung friedliebender Hirtenvölker zum Ziel haben konnte. Symptomatisch dafür steht das Auftauchen des Hillforts, eines großen nur mit einer schlagkräftigen Armee zu verteidigenden Walls unterhalb einer Bergkuppe, wo möglicherweise jährliche Stammestreffen stattgefunden haben. Eine Stätte aber wie Dun Aengus auf den Aran-Inseln wirkt dagegen noch wehrhafter: auf der einen Seite durch zum Atlantik hin steil abfallende Klippen und auf der anderen durch mehrere wuchtige Wälle. Bedauerlicherweise ist über seine Geschichte nur wenig bekannt, aber viele andere große Hillforts aus aufgeschütteter Erde und Mauerwerk waren noch mindestens bis in die Anfänge der irischen Geschichte zur Zeit von St. Patrick wichtige Kultplätze. Navan Fort bei Armagh gehört dazu, vor mehr als zweitausend Jahren Heimat des Stammes der Ulaid mit ihrem legendären König Conor Mac Nessa, den der jugendliche Held Cú Chulainn beschützt, und Stätte beeindruckender religiöser Opferrituale. Die Wiege der Macht von Ulster war nachweislich sieben Jahrhunderte lang bewohnt. Sogar noch begehrter war Tara im County Meath, das selbst nachdem es im sechsten Jahrhundert aufgegeben wurde, als der symbolische Sitz der High Kings (Großkönige) von Irland bedeutend blieb. Einer der Clans, der – zuweilen beinahe erfolgreich – Anspruch auf diesen Titel erhob, war die Dynastie der Ui Néil (heute O‘ Neill), eine Adelsfamilie, deren verschiedene Zweige in der Nordhälfte Irlands fünf Jahrhunderte hindurch um die Vorherrschaft kämpften. Einer ihrer bedeutendsten Sitze – der Graianán of Aileach – bietet einen herrlichen Blick über die Mündungslandschaften der Flüsse Foyle und Swilly.
Das Wenige, was wir aus der Frühgeschichte dieser Stätten wissen, läßt vermuten, daß eine Priesterklasse – die Druiden – Religion und Politik mit einander verflocht und wahrscheinlich rituell eng verbunden war mit den Kräften der Natur, Quellen etwa, die später als Heilige Brunnen christlich umgedeutet wurden. Eine wichtige Rolle bei den Ritualen könnten gemeißelte Steine gespielt haben, im Falle des Stone of Destiny (Schicksalsstein) von Tara eindeutig phallischer Form, aber es sei jedem selbst überlassen, Verzierungen auf Steinen wie dem von Castlerange zu deuten.
Die heidnischen Götter wie sie der berühmte irische Epiker Sir Samuel Ferguson so lebendig beschrieben hat, waren wahrscheinlich recht harmlose Gottheiten, eher geliebt als gefürchtet, und das mag auch der Grund gewesen sein, warum es St. Patrick gelang, sie so unblutig durch seinen einzigen christlichen Gott der Liebe und Gnade zu ersetzen. Und mit den Evangelien brachte er auch die Schrift. Bis dahin gab es in Irland nur ein einfaches Alphabet aus seltsam anmutenden Zeichen, Ogham genannt. Die Buchstaben bestanden aus ein bis fünf Kerben – auf, neben oder schräg über einer Mittellinie, die gewöhnlich durch die senkrechte Kante eines stehenden Steins dargestellt war. Auf diese weise wurden Inschriften zum Gedenken an einzelne Personen und deren Vorfahren in Stein gemeißelt, um ihre Wurzeln sicher festzuhalten, auch wenn wir heute aus den vielen hundert erhaltenen Ogham-Inschriften kaum noch eine historisch bedeutende Persönlichkeit identifizieren können.
Aber die Einführung christlichen Schrifttums bot in Gestalt des lateinischen Alphabets einen einfacheren Ersatz. Die Iren nahmen ihn freudig auf und erlernten die Sprache, die ihnen den Zugang zu der viel größeren Welt der lateinischen Kultur eröffnete, der ihnen bis dahin verschlossen gewesen war, weil Irland nie zum Römischen Reich gehört hatte. Aber noch die Ruinen eben jenes Römischen Reiches nährten bei den Iren die Liebe zur lateinischen Sprache und Literatur. Ihnen ist es vor allem zu verdanken, dass dieses erbe über die Höfe der karolingischen Fürsten auf das europäische Festland zurückkehrte, was John Henry Kardinal Newman zu dem geflügelten Wort veranlaßte: „Irland war die Lagerhalle der Vergangenheit und das Geburtshaus der Zukunft“ – einer Zukunft, die die Kultur des mittelalterlichen Europa und die Wiege unserer modernen Zivilisation bedeutete.
[Texte zu Fotos]
Gegenüber und rechts: Newgrange am Boyne, etwa acht Kilometer von Drogheda flußaufwärts, ist
weit über Irland hinaus bekannt, seit man entdeckt hat, daß zur Wintersonnenwende am 21. Dezember die aufgehende
Sonne in die dunkelsten Winkel des
Ganggrabes scheint. Dieses Ereignis muß die
gesamte Anlage des Grabes bestimmt haben, denn dessen Erbauer schufen über der
Zugangspforte hinter dem schön dekorierten Eingangsstein eine eigene Öffnung,
durch die die Sonnenstrahlen genau im richtigen Winkel in den leicht ansteigenden Gang
fallen konnten, um die Grabkammer zu erleuchten. Welch ein Augenblick, als
die führenden Mitglieder der Gemeinschaft bei der „Eröffnungszeremonie“
vor 5000 Jahren die Grabkammer betraten und beobachten konnten, wie die Sonne,
als bleistiftdünner Strahl den Gang durchmessend, wie durch Zauberhand die
Dunkelheit durchbrach, um sie dann, so lautlos wie sie nur 17 Minuten
zuvor gekommen war, wieder ins urzeitliche Dunkel zu entlassen! Für die
Lebenden eher denn für die Toten muß dies ein Sinnbild gewesen sein, daß –
durchaus im heutigen Sprachsinn – Licht am Ende des Tunnels ist nach dem Tod ein neuer Anfang wartet,
wie die
Natur nach dem kürzesten Tag des Jahres zu neuem Leben erwacht – sicher eines der ältesten und
beredsten Zeugnisse des Glaubens an ein Leben nach dem Tod. In diesem Tunnel
erleuchtete die Sonne nicht nur die zentrale Grabkammer selbst, sondern auch die
drei von ihr abzweigenden Nischen, deren eine mit einer (sicher ebenso symbolträchtigen)
Dreifachspirale (gegenüber) und eine weitere mit einem Steinbecken am Boden
nebst einem reich dekorierten Schlußstein versehen ist.
Irlands Menschen
Der Dichter John Hewitt aus Ulster faßt die Einflüsse,
die sich in der irischen Bevölkerung von heute vermischen, kurz und prägnant
zusammen:
Kelten, Briten, Sachsen, Dänen und Schotten,
die Zeit und die Insel schlingen seltsame Knoten.
Es sind sich wohl alle darin einig, daß diese Mischung äußerst gelungen ist. Die Bilder von Jungen mit Sommersprossen und rotem Haar sowie der Colleens (abgeleitet vom gälischen Wort cailín für Mädchen) mit dunklem Haar und blauen Augen sind fast schon zum Klischee geworden, und das nicht ganz ohne Grund. Es ist jedoch schwierig, „typisch irische“ Züge beschreiben zu wollen die ohnehin überall anders wahrgenommen werden. Was die Körpergröße anbelangt, so gibt es natürlich die ganze Bandbreite (früher mußte man mindestens 1,80 m groß sein, wollte man zu den Gardaí, der irischen Polizei).
Das Bild vom "typischen Iren" ist sicher so übertrieben wie veraltet. In
den Iren wird
man immer nur das sehen, was man sehen will – es kommt auf den Blickwinkel an.
Man sollte meinen, daß die neutralste Haltung von Außenstehenden käme. Aber
selbst das steht zu bezweifeln, betrachtet man die Einschätzung des bekannten
englischen Literaten Dr. Samuel Johnson, kein sonderlicher Irlandfreund, der
behauptete: „Die Iren sind ein faires Volk – sie sprechen nie gut über
einander“, auch wenn man sagen muß, daß die Iren sich selbst durchaus
zuweilen als „ein Volk von Neidern“ bezeichnen. In erfreulichem
Gegensatz dazu empfand Johnsons Landsmann, der Earl of Birkenhead, die Iren als
„von so individuellem Charakter, so beständig in Liebe oder Haß, so
bezaubernd, wenn sie guter Stimmung sind“ und in einer Ansprache an die Iren
schreibt Percy Bysshe Shelley, der englische Dichter der Romantik 1812:
Oh Irland! Du Smaragd des Meeres, dessen Söhne großherzig
und tapfer, dessen Töchter ehrenhaft sind, aufrichtig und hübsch! An
deinen Ufern, so sehnte ich mich, solle wehen das Banner der Freiheit – eine
Feuerflagge – ein Leuchtfeuer, an dem die Welt die Fackel der Freiheit entzündet!
Ganz allgemein könnte man Irlands Menschen als
gelassen, höflich und herzlich, hilfsbereit und gastfreundlich beschreiben,
interessiert mehr am Wohle anderer als am eigenen Reichtum, als konservativ,
bibeltreu und humorvoll, als großartige Erzähler und Philosophen, die sich die
Zeit nehmen zum Nachdenken und Reden, wenn auch nicht immer in dieser
Reihenfolge! Und neugierig sind sie auch. Sie wollen wissen, woher man kommt und
wie einem ihr Land gefällt. Ganz sicher ist den Iren aber Sinn für sprachliche Artistik
eigen, eine unbewußte Eloquenz, die herrührt von einem großen, phantasievoll
genutzten Wortschatz, wo Spiele mit Worten häufig (besonders augenfällig auf
den Werbeplakaten), und Wortspielereien eine läßliche Sünde sind und wo man
den geschliffenen Satz liebt, zu hoher Kunst erhoben vom Meister dieses Fachs,
Oscar Wilde. Diese Sprachwerkstatt hat große Literatur geschaffen, teils in
gälischer,
am bekanntesten aber sind die Werke in englischer Sprache. Welches andere Land von Irlands Größe kann
sich rühmen, vier Literaturnobelpreisträger hervorgebracht zu haben – W. B.
Yeats, G. B. Shaw, Samuel Beckett und jüngst Seamus Heaney?
[Texte zu Fotos]
Von alten Gewohnheiten trennt man sich nur schwer, vor allem, wenn man sie schon
lange pflegt. Das gilt in besonderem Maße für Irlands älteste
Wallfahrt, die einmal im Jahr nach Croagh Patrick im County Mayo stattfindet.
Schon aus der Ferne scheint dieser kegelförmige Berg allein aufgrund seiner
Form geradezu prädestiniert für eine der heiligsten Stätten Irlands . In
vorgeschichtlicher Zeit war er mit großer Sicherheit Ort eines jährlichen Erntefestes zu Ehren
von Lug, dem guten Gott der heidnischen Kelten. Die Menschen machten sich von
weither auf den Weg zum Berg, um dort ihre Freunde und Verwandten von der
anderen Seite zu treffen, zu heiraten, Streit zu schlichten oder was immer
anstand. Die christliche Kirche deutete dieses alte heidnische Fest höchst
diplomatisch in ein christliches um und stimmte das Datum entsprechend ab: den letzten Sonntag im Juli. Dementsprechend galt
die inzwischen christliche Wallfahrt nun St. Patrick statt Lug. Nach der Überlieferung
bestieg St. Patrick den Gipfel des Reek, wie der Berg bei den
Einheimischen heißt, und fastete dort nach dem Vorbild Mose vierzig Tage.
Jedes Jahr am letzten Julisonntag kommen die Menschen nach
Croagh Patrick zur Wallfahrt. Junge wie Alte, Kleriker wie Laien erklimmen den
steinigen Weg zum Gipfel, 765 Meter über der Clew Bay, den Stock in der Hand
wie mittelalterliche Pilger. Bis vor wenigen Jahren wurde der Berg barfuß
nachts bei Kerzenlicht erstiegen, heute aber gehen fast alle bei Tag und
ersparen anderen den Anblick ihrer schmutzigen Zehen. Unterwegs hört man Sündenbekenntnisse
und Gebete, auf dem Gipfel wird die Messe gelesen, in einem Oratorium, erbaut
ganz in der Nähe eines anderen, mittlerweile verfallenen, das tausend Jahre zuvor
errichtet worden war.
Was eigentlich als Wallfahrt zur Buße gedacht ist, entpuppt sich jedoch als recht fröhliche Angelegenheit. Die Menschen schwatzen mit einander, lachen und reißen Witze – nur wenig dürfte sich verändert haben im Vergleich zum Fest zu Ehren des Gottes lug vor nahezu zwei Jahrtausenden. Vielleicht wurden hier und da ein paar Äußerlichkeiten modifiziert, der Geist aber blieb derselbe.
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