Leseprobe aus
Clare Gibson
Das große Geburtstagsbuch


Mondkalender 

Heute mißt man in der westlichen Welt die Zeit nach dem Sonnenkalender und zählt die Jahre seit der Geburt Christi. (1582 löste der gregorianische Kalender von Papst Gregor XIII den von Julius Cäsar 46 v. Chr. entwickelten julianischen Kalender ab.) Aber viele bedeutende Weltreligionen berechnen ihre rituellen Kalender nach uraltem Brauch nach Mondmonaten. Archäologische und historische Belege deuten darauf hin, daß mesopotamische Astronomen die Position der Sonne bei ihren Beobachtungen außer acht ließen und sich stattdessen auf den Mond konzentrierten, der verehrt wurde. Die meisten alten Religionen verehrten den Mond wegen seiner sich stets verändernden Gestalt, die ihn mit dem Kreislauf des Lebens verband: Geburt (Neumond), Wachstum (zunehmender Halbmond), Reife (Vollmond), Alter (abnehmender Halbmond), Tod (der „schwarze Mond“, die drei oder vier Tage also, an denen der Mond unsichtbar scheint) und Neugeburt (der wieder zunehmende Mond). Weiter spielten bei seiner Verehrung die Wirkung auf Ebbe und Flut und sein Einfluß auf die Menstruation eine Rolle. Der römische Kaiser Numa Pomphilius (8. Jh. v. Chr.) soll die Zahl der Monate eines Jahres von zehn auf zwölf erhöht haben, um den lunaren mit dem solaren Zyklus in Einklang zu bringen. Damit leitete er im westlichen Denken eine bewußte Bedeutungsverschiebung vom Mond zur Sonne ein.

Der jüdische Kalender (Luach Ha-Shannah) ist in erster Linie lunar, obwohl er Korrekturen nach dem Sonnenzyklus vorsieht. So verbleiben Feste landwirtschaftlichen Ursprungs wie das Erntefest Sukkoth (das Laubhüttenfest) im Rhythmus der Jahreszeiten (das Mondjahr ist etwa elf Tage kürzer als das Sonnenjahr). Der Mond genießt im jüdischen Glauben große Bedeutung. Er gilt als Symbol der Kinder Israels, die Sonne als das der Heiden (aller anderen Völker). Am Beginn jedes neuen Monats kann die Geburt des neuen Mondes (Molad) mit dem fröhlichen Fest Rosh Chodesh begrüßt werden. Seit dem Mittelalter zählt man die Jahre ab dem Zeitpunkt der angenommen Erschaffung der Welt, d. h. ab 3760 v. Chr.

Wie der jüdische Kalender richtet sich auch der hinduistische nach dem Mond. Übereinstimmung mit dem Sonnenzyklus schafft die Einfügung eines zusätzlichen Monats alle zweieinhalb Jahre. Jeder Mondmonat besteht aus zwei hellen, positiven Wochen (Shukra) während des zunehmenden Mondes und zwei dunklen, negativen Wochen (Krishna), von denen der abnehmende Mond zeugt. Auch der religiöse Kalender des Islam ist lunar und beginnt im Jahr der Auswanderung Mohammeds von Mekka nach Medina (Hejira, September 622). Das ist nicht nur der Anfang des Jahreszählung, sondern auch des ersten Monats im neuen Jahr (in diesem Fall Muharam). Selbst das Christentum, das die meisten Feste und Namenstage zu feststehenden Daten begeht, bewahrt den Einfluß des Mondkalenders im beweglichen Ostersonntag, der auf den Sonntag nach dem ersten Vollmond nach dem Frühlingsäquinoktium (zwischen dem 21. März und dem 25. April) fällt. 

Obwohl die Astrologie heute eher heliozentrisch statt lunar ausgerichtet ist, bleibt der Mond nach wie vor eine äußerst wichtige Kraft. Auf seiner Bahn durch den Tierkreis übt er starken Einfluß auf die Erde und ihre Bewohner aus. Wenn er zwischen den einzelnen Zeichen steht, wirkt er in "leerer Bahn" , sein Fehlen bezeichnet gefährliche Instabilität.

Weiter sind in der Astrologie die Mondknoten oder „Drachenpunkte“ (nach der Vorstellung, bei einer Sonnen- oder Mondfinsternis verschlucke ein Drache die Himmelskörper und spucke sie wieder aus) besonders bedeutsam. Der Drachenkopf (Caput Draconis) ist der aufsteigende, nördliche Knoten und bezeichnet den Punkt, in dem der Mond die Ekliptik schneidet, der Drachenschwanz (Carda Draconis) oder der absteigende, südliche Mondknoten liegt ihm genau gegenüber. Chinesische Astrologen bezeichnen Drachenkopf und Drachenschwanz als Lo-hou und Chi-tu, indische als Ratu und Ketu. In der Antike waren die Mondknoten wichtig zur Berechnung von Sonnen- und Mondfinsternissen, heute jedoch betrachten chinesische und indische Astrologen sie als entscheidend für die Deutung von Horoskopen. In ihnen zeigt sich das Karma des Menschen – der nördliche Knoten zeigt die Gebiete, in denen es im Leben aufwärts geht, der südliche das genetische Erbe (oder die Eigenschaften, die aus einem früheren Leben stammen.)   

Autochthone Kulturen Amerikas 

Die ersten Einwohner des heutigen Mittel- und Südamerika stellten bemerkenswert ausgefeilte kalendrische und astrologische Berechnungen an. Archäologische Hinweise aus Mexiko und Guatemala, auch aus der alten Kultur der Zapoteken, reichen bis ins 6. Jahrhundert vor Christus zurück. Nach der Ankunft der spanischen Eroberer verschwand mit dem Volk, das sie praktizierte, auch die mesoamerikanische Astrologie. In den Artfekaten und Volksbräuchen der Mayas im Hochland und der Völker von Oaxacan lebt jedoch noch so viel von ihrem Erbe fort, daß ihre überragende Bedeutung, besonders in der Kultur der Mayas und Azteken nach wie vor deutlich wird.

Erhaltene Aufzeichnungen zeugen von den detaillierten Sonnen- und Mondbeobachtungen, anhand derer mesoamerikanische Astrologen das Datum ihrer bedeutendsten Feste oder den besten Zeitpunkt für Opfergaben an ihre zornigen Götter oder die Gerichtstage bestimmten. Die mesoamerikanischen Götter und die Zeitmessung wie sie die Zyklen von Sonne und Mond vorgaben, sind untrennbar mit einander verbunden. Position und Bewegung der Himmelskörper stellen kosmische mythische Wesen und Ereignisse dar. In Mesoamerika waren viele verschiedene Kalender in Gebrauch, der wichtigste war aber wohl der aztekische Tonalpohualli mit 260 Tagen pro Jahr, das in 20 Wochen von je 13 Tagen unterteilt war. 20 „Tagesnamen“ sowie den einzelnen Wochen waren Götter zugeordnet. Jeder der dreizehn Tage stand im Zeichen zweier „Namenspatrone“ – eines „Herrn“ des Tages und eines der Nacht, einer bestimmten Farbe, einer Himmelsrichtung und eines Vogels.

Die Mayas verwendeten in Verbindung mit dem 260-Tage-Kalender einen weniger streng untergliederten, etwa 365 Tage zählenden Kalender nach dem Sonnenzyklus (Xihuitl in der Sprache der Azteken). Der Sonnenkalender kannte keine Schalttage und war in 18 Gruppen zu je 20 Tagen unterteilt (die aztekische Veintena). Jede Gruppe unterstand einer namentlich genannten Gottheit. Den Ausgleich für fehlende Tage im Jahr schufen fünf ungeweihte Tage (Nemontemi oder „namenlose Tage“) am Ende des Jahreslaufs. Sie galten als unglückliche Geburtsdaten.

Die Azteken entwarfen auch ein „kalendarisches Rund“ von 52 Sonnenjahren, an dessen Ende zur Besänftigung der Götter die Jahrhundertfeiern oder Ziumolpilli mit der Zeremonie des Neuen Feuers begangen wurden. Ein neuer Zyklus begann, wenn die Neujahrstage beider Hauptkalender zusammenfielen. Dieses zyklische System hatte unbegrenzte Geltungsdauer. Der Zeitbegriff der klassischen Mayas umspannte wahrhaft gewaltige Perioden. So begann der lange Baktunzyklus am 2. August 3114 v. Chr. und sollte am 23. Dezember 2010 enden. Unterteilt wurde dieser Zyklus in Tage (Kin), 20 Tage umspannende Zeiträume (Uinal), 360 Tage umfassende Jahre (Tun), 20-Jahres-Zeiträume (Katun), 400-Jahres-Zyklen (Baktun) und so weiter bis zu schwindelerregenden 160.000 Tuns (Kalabtun). Dem Ende jedes kalendarischen Zyklus kam apokalyptische Bedeutung zu, denn es galt als gefährliche Zeit, die vom kataklysmischen Untergang des gegenwärtigen Weltzeitalters und vom Anbruch eines neuen künden konnte. Sonnenfinsternisse (wenn „die Sonne angegriffen wurde“), Mondfinsternisse (weniger gefährlich als die Sonnenfinsternisse, aber immer noch bedrohlich) und der Frühaufgang – der heliakalische Aufgang – des Planeten Venus (der als böse männliche Gottheit galt) als Morgenstern lösten Angst aus. Daher wurden die Bewegungen von Sonne, Mond und Venus mit besonderer Aufmerksamkeit studiert.

In Mesoamerika glaubte man, das Geburtsdatum bestimme die Zukunft voraus, und aztekische Wahrsager lasen im Almanach Tonalamatl das Schicksal der Menschen, die um Auskunft baten. Unweigerlich wurde kurz nach der Geburt eines Kindes ein Astrologe – ein adivino - gebeten, seine Zukunft vorherzusagen.

Die nordamerikanische Ursprungsbevölkerung besitzt zwar kein in sich geschlossenes, westlichen Traditionen vergleichbares astrologisches System, mißt den Himmelskörpern aber in ihren Mythen und Legenden große Bedeutung bei. Der Stamm der Pawnee aus der Prärie zum Beispiel kennt eine Morgensternzeremonie zur Feier der Rolle des männlichen Morgensterns bei der Schaffung der Menschheit zusammen mit dem weiblichen Abendstern. Die „Sternkarten“ der Pawnee und anderer Stämme zeigen komplizierte Darstellungen des Nachthimmels, gelten aber eher als magischen Kräften verbunden denn als Aufzeichnungen astrologischen Wissens.

Die amerikanische Ursprungsbevölkerung unterteilt sich in viele einzelne Stämme, und  jeder davon kennt eigene kulturelle, religiöse und astrologische Traditionen. Die Himmelsbeobachtung im Zusammenhang mit Mythen und jahreszeitlichen Festen innerhalb der verschiedenen Traditionen hat aber bei allen entscheidende Bedeutung, und uralte Glaubenssätze gelten auch heute noch. Die genauen Prinzipien, nach denen zum Beispiel die alten Medizinräder der Präriestämme aufgebaut sind, sind unbekannt. Diese beeindruckenden Konstruktionen könnten bei Ritualen und in der Kalenderberechnung eine wichtige Rolle gespielt haben; denn wie die nordeuropäischen Megalithen waren sie wahrscheinlich nach der Sommersonnenwende ausgerichtet. Die meisten haben 28 von der Mitte nach außen führende Speichen, was sie dem Mondzyklus verbindet.
 

Chinesische Astrologie

... Den ausführlichen und interessanten Abschnitt über die chinesische Astrologie muss ich hier leider auslassen, da ich nicht zu  umfassend zitieren darf.

Andere Schulen 

Es gilt allgemein (wenn auch nicht überall) als gesichert, daß die Astrologie wie sie heute in Indien praktiziert wird, ursprünglich aus Mesopotamien stammt, der „Wiege der Zivilisation“. Die indische Astrologie ist eng verflochten mit anderen hinduistischen mystischen Traditionen wie dem Kundalini-Yoga und kennt ebenfalls den Makro-Mikrokosmos-Gedanken, der in der westlichen Astrologie so entscheidende Bedeutung erlangte. So sagt man zum Beispiel, daß der im Mutterleib heranwachsende Fötus zwei Chakren entwickelt. Das Pingala mit zwölf Segmenten, das den Zeichen des solaren Tierkreises entspricht und das Ina mit 28 Abschnitten, von denen jeder für ein Haus des lunaren Zodiaks steht. Nach dieser Theorie tragen die Menschen diese duale Gestalt des physischen Horoskops in sich.

Die tibetische Astrologie fußt hauptsächlich auf der chinesischen, weicht aber in einigen subtilen Punkten davon ab. So wird die chinesische Ratte durch eine Maus ersetzt, das Kaninchen durch einen Hasen und der Hahn durch einen nicht näher bezeichneten Vogel. Der Einfluß indischen Denkens zeigt sich auch in der Astrologie der geographischen Nachbarn. So praktizieren lamaistische Astrologen (Tsi pa) drei verschiedene Formen der Interpretation und Weissagung: das chinesisch beeinflusste System Jung Tsi, bei dem Yin und Yang, die fünf Elemente und die zwölf Tiere eine entscheidende Rolle spielen; Kar Tsi, dessen Ursprünge in hinduistischen Prinzipien des Kalacakra-Tantra  liegen sollen und das neun Planeten, zwölf Häuser (d. h. Tierkreiszeichen) und 27 Sternbilder kennt und Wang Char, ein numerologisches und talismanisches System, das seinen Anhängern zufolge Gott Shiva selbst die Menschen gelehrt hat.

 

Könemann Verlag


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