Leseprobe aus John G. Fuller Die unterbrochene Reise |
Kurzportrait von Betty Hill (S. 25/26)
„Der
schönste Tag in meinem Leben", sagte Betty einmal, „war als ich lesen
lernte. Von da an langweilte ich mich nie mehr."
Sie war eine glänzende Schülerin
in der Ein-Klassen-Schule, die sie in Kingston, New Hampshire, besuchte. Da es für
die sechs Klassenstufen nur einen Lehrer gab, konnte sie sich in ihrem eigenen
Tempo entwickeln. Sie kann sich erinnern, daß sie der vierten Klasse die
Divisionsrechnung erklärte, als sie in der dritten war. Und sie gewann alle
Wettbewerbe, Rechtschreibwettbewerbe, Theaterrollen und Preise, die man nur
gewinnen konnte. Sie war ein temperamentvolles, manchmal auch aufsässiges Kind
und arbeitete ständig; um Geld zu verdienen pflückte sie Schlüsselblumen,
wilde Erdbeeren, Himbeeren und Heidelbeeren und verkaufte sie mit einem hübschen
Gewinn. Sie las mit solcher Unersättlichkeit, daß ihre Mutter sie schließlich
zwang, sich auf ein Buch pro Tag zu beschränken. Als Betty elf war, auf der Höhe
der Großen Depression, brach ihre Mutter mit der Familientradition und
arbeitete in einer Fabrik. Zunächst sollte es nur eine zeitlich befristete Maßnahme
sein, eine Teilzeitarbeit. Bettys Vater, der Ernährer der Familie, war krank
geworden, die Ersparnisse waren aufgebraucht und das Erbe ihrer Mutter war
unterschlagen worden. Aber die Gewerkschaftsgründer zogen in die Mühlenstädte
von New England, und ihre Mutter, von der strikten Vornehmheit der Damen aus New
England, war gefesselt. Sie half beim Aufbau, führte Streiks an und wurde
Mitglied im Vorstand der Gewerkschaft. Betty war stolz auf ihre Mutter, wenn sie
sie in den Linien der Streikposten sah, auf der Hut vor Angriffen durch
Zwischenrufer oder Festnahmen durch die Polizei. In dieser Zeit bog sich der
Tisch der Familie nicht unter Essen, sondern unter den Streitgesprächen
zwischen einem Onkel, der die CIO (Congress of Industrial Organizations, 1935
gegründete amerikanische Industriearbeitergewerkschaft) in Lynn
mit organisierte, einem Freund der Familie, der dieselbe schwere Aufgabe in
Lawrence erfüllte, und Bettys Mutter, die streng A.F. L. war (American
Federation of Labor, 1886 gegründete amerikanische Arbeitgebergewerkschaft, die
ursprünglich eine Vereinigung von Zünften und Arbeitervereinigungen
darstellte; 1955 verschmolzen AFL und ClO zum heute größten amerikanischen
Gewerkschaftsbund). Das waren aufregende Szenen für die junge Betty: die
Streiks, die Wahlen und die Feiern. Ihr Vater, der für einen weiteren Onkel
arbeitete, der eine Schuhfabrik besaß, blieb stoisch neutral.
Kurzportrait von Barney Hill (S. 81/82)
In den schlimmen Jahren der
Depression war Barney Hills
Familie nie ohne Essen und Obdach, obwohl das vielen ihrer Nachbarn geschah.
„Ein Weihnachtsfest war mir besonders wichtig", erinnert sich Barney. „Mein Vater sagte, er glaube nicht, daß der Weihnachtsmann uns dieses Jahr besuchen könne, denn in der Zeitung habe gestanden, daß sein Schlitten am Nordpol in einem Schneesturm beschädigt worden sei. Mit langen Gesichtern und traurigen Herzen gingen meine Brüder und Schwestern und ich zu Bett. Etwa um fünf Uhr morgens wachte ich auf und stellte fest, daß die Tür meines Zimmers, die auf den Flur führte, zugebunden war. Ich ging durch die Verbindungstür ins Zimmer meiner Schwestern, aber auch deren Tür war festgebunden. Ich konnte mich hindurchzwängen, die Tür losbinden, und wir alle vier rannten nach unten. Dort im Wohnzimmer lagen all die Spielsachen, die wir uns gewünscht hatten, unter einem wunderschön geschmückten Weihnachtsbaum. Mein Vater und meine Mutter kamen die Treppe herunter und taten, als seien sie höchst überrascht. ,Wer weiß, wer weiß', sagte mein Vater, ,der Weihnachtsmann kam also wohl doch. Das muß das Geräusch gewesen sein, das wir gestern Abend auf dem Dach gehört haben!' Mein Vater und meine Mutter hatten viel Freude daran, uns solche Überraschungen zu bereiten."
Barneys Eltern schufen im Hause der Familie zwar
eine liebevolle Atmosphäre, aber dennoch kannte er den unvermeidlichen Kampf
und die Konflikte, denen Farbige unnötigerweise ausgesetzt sind. „Als wir uns
in der Junior High School die Kurse aussuchen
sollten, sagte ich meinem Beratungslehrer einmal, ich wolle Bauingenieur werden.
Er riet mir, einen anderen Kurs auszusuchen, denn für Farbige gäbe es auf
diesem Gebiet keine Zukunft. Ich war entmutigt. Darunter litten meine Noten. Ich
dachte, vielleicht könnte es beim Militär eine Zukunft für mich geben, und
daher beschloß ich, mich für die Army zu melden,
als Amerika seine Friedenstruppen zusammenstellte. Ich war immer der Auffassung,
daß es richtig und angemessen sei, sich jederzeit gegen einen Angreifer zu
verteidigen. Mein Onkel hatte mich diese Haltung gelehrt."
Diese
Haltung konnte er in den turbulenten Straßen von Philadelphia gut gebrauchen.
Eines Tages erfuhr Barney von einem Freund, daß eine bestimmte Gang drohte, ihn
zu verprügeln, wenn sie ihn außerhalb seiner unmittelbaren Nachbarschaft
erwischten. In weniger als einer Stunde saß Barney auf seinem Fahrrad und fuhr
zum Haus eines der Jungen aus der Gang. Er wußte, daß sie sich dort trafen. Er
marschierte in den Hof und sagte: „Ich habe gehört, ihr sucht mich,
Jungs." Einer der Jungen trat vor und sagte: „Ja, das tun wir." Es
folgte eine Balgerei, bei der Barney den Jungen gehörig verdrosch. Als er
fertig war, wandte er sich den anderen zu und sagte: „Ich kämpfe mit euch
allen zusammen - und einzeln. Weil ich meine Straße verlassen will, wann es mir
paßt!" Von da an gab es in der Gegend keinen Ärger mehr.
Zur Hypnose (S. 90/91)
Die Hypnose hat viele
Perioden enthusiastischer Akzeptanz und darauffolgender Ablehnung erlebt, wie
einige andere „
moderne Trends" in der Psychiatrie auch. Es besteht kein Zweifel daran,
daß diese Symptome (die durch die Hypnose beseitigt wurden) erneut
auftreten oder durch noch belastendere Symptome ersetzt werden können, wenn der
ihnen zugrundeliegende emotionale Konflikt (dessen Manifestationen die Symptome
sind) nicht gelöst wird. Nur wenn der Arzt sicher
sein kann, daß er den Patienten auch nach der Aufhebung der Symptome noch
behandeln kann, sollten die Symptome durch Hypnose beseitigt werden. (...) Viele
stellen in Frage, ob ein erzwungenes Brechen des Widerstandes (wie es durch
Hypnose erreicht wird) ein wünschenswerter Ansatz ist. Bei einer Vielzahl von
Zuständen, hysterischen, psychosomatischen und anderen, kann die Hypnose wie
beschrieben helfen, die Therapie zeitlich
zu verkürzen, indem sie den Zugang zu unbewußten Konflikten erleichtert. Die
Hypnose birgt Gefahren, und doch ist sie nichtgefährlich. Die wesentlichen Gefahren
liegen in ihrem Einsatz durch solche Personen, die kein beruflicher Moralkodex
bindet und die nicht entsprechend ausgebildet sind.
Jochen Kopp Verlag 1996
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