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Leseprobe
aus
Elena Makarova
Friedl Dicker-Brandeis - Ein
Leben für Kunst und Lehre
Ausstellungskatalog, erschienen im Verlag Christian Branstaetter,
Wien-München 1999
Aus der Einführung
DIE ZEICHNUNGEN DER TODGEWEIHTEN
„Jeder steckte uns in irgendwelche Schubladen, sie holte uns da wieder
raus ...“
„Also sollte dem Kind uneingeschränkt vertraut werden. Wenn
wir das Beste für das Kind
tun wollen, geben wir ihm Material und ermuntern es,
mit der Arbeit zu beginnen.
In diesem Stadium sind alle unseren ‚ästhetischen’
Bewertungen sinnlos.“
1/
Zeichnungen todgeweihter Kinder kann man einer
kunstkritischen Bewertung nicht unterziehen – das ist der logische Schluß,
der sich aus dem Studium der 5000 Kinderzeichnungen aus Theresienstadt ergibt.
Irgendeine Bewertung aber muß es geben – wenn nicht kunstkritisch, dann wie?
Während meines Studiums dieser Zeichnungen und als ich nun Friedls Schülerinnen und Schüler, die den Krieg überlebt hatten, kennenlernte, versuchte ich, mir ein Bild von der Welt der Kinder in Theresienstadt zu machen – von ihren Räumen, ihren Linien und Farben und von dem Einfluß, den Friedl darauf hatte – als Künstlerin wie als Kunsttherapeutin.
2/
Die Welt der Kinder, die nach Jahren eines Lebens unter dem
Nazi-Protektorat nach Theresienstadt deportiert worden waren, zerbrach in
tausend Stücke; sie hatte jedes Gleichgewicht, jede Zuversicht verloren. Das
zeigt sich ganz deutlich in den Zeichnungen der Kinder zu freien Themen, in
denen sie zumeist ihr früheres Leben darstellen, ihr geliebtes Zuhause, ihre
Familien, die ihnen vertrauten Landschaften. Betrachtet man sie eine nach der
anderen, wird einem schwindlig: Koordination und Komposition einer
„normalen“ Kinderzeichnung sind in den Zeichnungen der Kinder aus
Theresienstadt schwer geschädigt und verzerrt. Ihr früheres Leben vermischt
sich mit ihrem Dasein im Ghetto. „Normale“ Kinder geben ihren Bildern klare
Koordinaten und verorten sich in ihrer aktuellen Realität. Die Kinder von
Theresienstadt mit ihrer unterschiedlichen Vergangenheit und ihrer zerrissenen
Zeit-Raum-Kontinuität hatte man dieser Möglichkeit zur Vorortung beraubt.
3/
Fehlende Perspektiven, eine unsichere Zukunft, der Verlust
jeder Orientierung und die Angst vor den „Transporten nach Osten“ haben
starken Einfluß auf die Komposition der Kinderzeichnungen. Regelmäßig werden
Objekte aus divergierenden Perspektiven gezeigt, und der Gesamtansicht fehlt ein
eindeutiges Zentrum. Im Gegensatz zu „normalen“ Kinderzeichnungen, die eine
kohärente Struktur besitzen, scheinen die Zeichnungen aus Theresienstadt in
ihre Einzelteile zu zerfallen.
4/
Dieser Bruch in den Raum-Zeit-Koordinaten in ihren
Zeichnungen zeigt sich auch in der geradezu zwanghaften Wiederholung eines
Motivs, ornamental wie gegenständlich und in der abrupten Unterbrechung von
Linien: Straßenlinien, Eisenbahnlinien, Bergumrissen, des Horizonts usw.
5/
Ein weiteres Motiv dieser Zeichnungen entzieht sich jeder
Erklärung: ein Rahmen, der das Bild umgibt und die Form des Papiers wieder
aufnimmt. Vielleicht die Widerspiegelung des Lebens dieser Kinder, eingezäunt
von Stacheldraht oder, aus psychologischer Sicht plausibler, ihr Versuch, sich
vor der Realität des Ghettos zu schützen? Seltsamerweise tritt dieses Motiv am
markantesten in den Bildern von Kindern auf, deren Deportation nach Auschwitz
unmittelbar bevorstand (obwohl sie das nicht wußten).
6/
Ein weiterer Anhaltspunkt für die räumliche Verzerrung
ist die Stellung der Sonne. Die Sonne hat, wie die Kinder ja auch, ihren
angestammten Platz verloren; sie wandert über das Blatt, zuweilen blinzelt sie
in das Barackenzimmer. Nur selten lächelt sie.
7/
Für gewöhnlich nehmen Kinder die Realität wahr, ohne darüber
nachzudenken. Die erwachsenen Künstler im Ghetto versuchten, die große Tragödie
ihres Volkes zu beschreiben, ihre Empörung auszudrücken, ihre Verzweiflung und
ihren Protest. Im Gegensatz dazu stellten die Kinder die Realität oft genau so
dar, wie sie sie sahen. Oft waren ihre Bilder schematisch, manchmal mischten
oder ergänzten sich Realität und Traum.
8/
Kunstunterricht, in jeder weiterführenden Schule etwas
ganz Normales, war im allgegenwärtigen Chaos und der gestörten Harmonie in
Theresienstadt eine Herausforderung. Indem sie die Verstörtheit ihrer Kinder
aufdeckte, erhielt Friedl die Möglichkeit, die erlebten Zwänge zu modifizieren
und die Spannungen in den Kindern abzubauen. Und weil sie ihre innersten Ängste
ausdrücken durften, erhielten die Kinder eine Möglichkeit, sie loszulassen,
wodurch sie wiederum besser mit ihnen umgehen konnten.
9/
Für uns, die wir das Ergebnis von Friedls Unterricht
betrachten, sind diese spontanen Zeichnungen zugleich eine wertvolle Quelle zur
Beurteilung ihrer Lehre – des Unterrichts als solchem, seiner Methoden und
seiner Wirkung. Wir können klar erkennen, wie Friedl die verschiedenen Störungen
in der Psyche ihrer Kinder anging und welches Heilmittel sie als
Kunsttherapeutin anwandte –bei jeder Störung, die sie wahrnahm.
10/
Friedl sah ihr Ziel nicht nur in der Aufdeckung der Erschütterungen
im Bewußtsein der Kinder, sondern in dessen Wiederherstellung. Rhythmische Übungen,
Zeichnen nach einem Märchen oder nach einer Geschichte, die Friedl erzählte,
Zeichnen vom Modell, das Studium der Alten Meister, freie Themen – alle künstlerischen
und pädagogischen Methoden über die sie verfügte, kamen dabei zur Anwendung.
11/
Ittens System erwies sich als unentbehrlich. Seine
„Theologie“ vom Kampf der Söhne des Lichts gegen die Söhne der Dunkelheit
war in Theresienstadt schiere Realität. In der Praxis setzte Friedl seine
rhythmischen Übungen als Mittel in ihrem Kampf gegen das Chaos von Zeit und
Raum ein.
12/
Die Kinder reagierten auf Friedls Stimme. Ihre hohen und
tiefen Obertöne erzeugten spiralförmige Linien, zuweilen grafisch ausgeformt,
zuweilen fast unkenntlich. Sie erforderte die emotionale Konzentration auf das
Eigentliche der Übung – der Rhythmus von Friedls Stimme und Atem muß eine
hypnotische Wirkung gehabt haben. Er zog die Aufmerksamkeit der Kinder auf sich
und entführte sie in die Zauberwelt ihres Unterrichts.
13/
Friedl erzählte Märchen und Geschichten, die die Kinder
zum Zeichnen anregten. Um ihre Aufmerksamkeit noch zu erhöhen, forderte sie die
Kinder manchmal auf, sich nur die Objekte zu merken – und dann auch zu
zeichnen – die in einer Geschichte zwei Mal vorkamen. Und sie führte
„Diktate“ ein, die bei den Kindern den Sinn für die Beschaffenheit eines
Materials fördern sollten. Aus einer Liste, die sie vorlas, sollten die Kinder
nur Objekte einer bestimmten vorgegebenen Größe oder Oberflächenbeschaffenheit
auswählen und zeichnen. Ein anderes Mal enthielt die Liste lauter Objekte aus
demselben Anwendungskreis (zum Beispiel: Hammer, Nagel, Feile), die die Kinder
in ihre Zeichnungen aufnehmen sollten, d.h., sie sollten um diese Objekte herum
eine Geschichte erfinden. Solche Stunden modifizierten die emotionale Verfassung
der Kinder und halfen ihnen bei der zielgerichteten Ausrichtung ihrer Gedanken.
Dabei lernten sie, einfache Formen zu analysieren und in einer harmonischen
Komposition zu einander zu fügen. In vielen Zeichnungen tauchen Monogramme auf.
Die ständige Wiederholung ihrer Namen in unterschiedlicher grafischer
Kombination und Struktur gab den Kindern das Gefühl ihrer Identität wieder –
stärkte das erschütterte Selbstwertgefühl. Nicht eine einzige Zeichnung trägt
die Lagernummer eines Kindes, obwohl ihr Alltag von allen möglichen Nummern und
Stempeln geprägt war.
15/
Beispiele großer Kunst zeigte Friedl den Kindern in Büchern
mit Reproduktionen von Giotto, Rembrandt, Vermeer, Cranach und anderen. Kopien
in verschiedenen Techniken (Collage, Wasserfarben und Grafiken) geben Zeugnis
vom äußerst anspruchsvollen, professionellen Niveau des Unterrichts. Und das
alles nicht in einem Künstleratelier, sondern in Theresienstadt.
16/
Kopieren bedeutete in Friedls Unterricht nicht die
mechanische Wiederholung von Linien: Es galt vielmehr als Mittel, die innere
Welt des Malers zu erfassen, ein anderes Verständnis von der Wirklichkeit zu
zeigen und als Hilfe, inmitten eines schwer gestörten Lageralltags eine
harmonische Komposition zu konstruieren.
17/
Besondere Aufmerksamkeit widmete sie Skizzen nach der Natur
– Landschaften, Stilleben und lebenden Modellen. Die Erfahrung, daß es ein
reales Objekt mit Stift oder Pinsel erfassen kann, schenkt einem Kind
Selbstvertrauen und nimmt ihm die Angst vor den „toten“ Objekten, die es
umgeben.
18/
Friedl ließ in der Erinnerung der Kinder Bilder des
„normalen Lebens“ wieder auferstehen. Liebe Menschen, Himmel, Bäume, all
das hatte es in ihrem Leben einmal gegeben – und sie waren immer noch da. Man
mußte nur wieder den Blick darauf richten.
Für die Kinder im Ghetto war die Vergangenheit, wie das oft bei alten Menschen ist, von der Gegenwart abgeschnitten. Sie erschien wie ein Märchen. Wenn sie dieses Märchen nun in allen Einzelheiten zeichneten – die Wohnungseinrichtung, die Uhr an der Wand, den Markstand gegenüber dem Haus – gaben sie der Vergangenheit wieder reale Konturen, kamen ihr wieder näher. So entstand allmählich wieder eine Verbindung. Die Grenzen zwischen Vergangenheit und Gegenwart wurden durchlässiger.
Die Themen des Zeichenunterrichts wurden so gewählt, daß
sie in den Kindern eine Reaktion hervorriefen: Themen, die den Kindern vertraut,
die ihnen nahe waren. Dazu gehörten Motive aus der Natur (Blumen,
Schmetterlinge und Tiere), Landschaften (Stadt, Wüste und Meer) und
Naturereignisse (Stürme, Regenbögen und Schnee), die vier Jahreszeiten, Straßen,
Bahnhöfe, Häuser (von innen wie von außen), Familienportraits und Feste (Seder
und Weihnachten), Veranstaltungen (Zirkus, Theater, Karussell und Riesenrad) und
so weiter – alles, was zum Erfahrungsschatz eines Kindes gehören und was
jedes Kind auf seine eigene, ganz persönliche Weise ausdrücken konnte.
19/
Auch die kollektive künstlerische Arbeit gehörte zur
Tradition des Bauhauses, und Friedl nahm diesen Brauch in ihren Unterricht auf.
Damit verfolgte sie gleich mehrere Ziele: die Materialknappheit konnte
ausgeglichen und zugleich philosophische Ideen vermittelt werden. In den Stunden
kollektiver Arbeit war jedem Kind eine bestimmte Rolle zugewiesen, damit alle
Anteil an der gemeinsamen Aufgabe haben konnten. Diese Rollen wurden jedes Mal
anders verteilt, damit sich kein Kind zurückgesetzt fühlen sollte. Wie im
Bauhaus wurde nach der Fertigstellung jedes Werk gemeinsam besprochen. Das
allein war schon Unterricht für die Kinder – es lehrte sie Exaktheit und
Toleranz zugleich.
20/
Friedls Werk „Kinderzeichnen“ enthält bereits
weitgehend die Grundprinzipien der Kunsttherapie. Das vollständige Manuskript
besteht aus zwei Teilen. Den ersten Teil schrieb Friedl auf einer
Schreibmaschine im Ghetto und legte ihn im Juli 1943 bei einer Besprechung anläßlich
des ersten Jahrestages der Einrichtung von Kinderheimen im Ghetto den Lehrern
und Betreuern vor. Der zweite Teil, handschriftlich verfaßt, nimmt dieselben
Ideen noch einmal auf und analysiert den Charakter verschiedener Kinder nach
ihren Zeichnungen (die offensichtlich Teil der Ausstellung im Juli 1943 waren).
21/
Ittens Ideen waren Friedl, wie sie in Hronov schrieb „in
Fleisch und Blut übergegangen“. Das zeigt auch ein Vergleich zwischen Ittens
grundlegenden Prinzipien für seinen Grundkurs am Bauhaus und Friedls Vortrag:
22/
„Kinderzeichnen“ ist ein kurzer Aufsatz, aber gespickt mit
Ideen und Beobachtungen. Der Verständlichkeit halber haben wir den Text in zehn
Abschnitte unterteilt, die Friedls Überlegungen zum Kind und seiner Kreativität
darstellen und uns Erwachsenen einen Weg ebnen, über ihre Zeichnungen zu einem
besseren Verständnis der Kinder zu gelangen. Und sie geben Hinweise darauf, wie
Friedl mit bestimmten Problemen der Kinder umging.
Leider kann ich Ihnen diesen sicherlich interessanten Aufsatz hier nicht vorstellen, da mir ein Belegexemplar des Ausstellungskataloges noch nicht zugegangen ist.
23/
Kennte man die Herkunft dieses Aufsatzes nicht, könnte man
ihn leicht für das gelehrte Werk eines angesehenen Professors in Friedenszeiten
halten. Hunger, Kälte, Tod, Transporte ‚nach Osten‘ werden an keiner Stelle
erwähnt. Neben seinem eigentlichen Thema muß dieser Aufsatz auf uns, die wir
ihn lesen, eine weitere, indirekte therapeutische Wirkung haben. Wenn jemand
unter den schlimmsten Bedingungen der Freiheitsberaubung, am Rande des Todes über
die richtige Erziehung nachdenken kann, über die Kreativität als Ausdruck
einer allmächtigen Freiheit, dann können Seelen aus der Asche auferstehen, das
Böse wird zugrunde gehen und die Menschheit wird überleben. Denn durch
Hoffnung lebt der Mensch.

Edith Kramer, Exercise, ca. 1936
Interview mit
Edith Kramer, New York 1994
Friedls Unterricht
Diktate
Sie diktierte gerne. Sie sagte zum Beispiel – hier haben
wir ein glattes, schweres Nudelholz und da ein paar rauhe, schwere Ziegelsteine,
zwischen denen Gras hervorwächst. Dann sagte sie: ein Einkaufsnetz; dann wieder
ein Balken. Sie nannte immer viele verschiedene Dinge, und wir versuchten, sehr
schnell zu zeichnen, von jedem Ding das Wesentliche zu erfassen, die
Ausarbeitung konnte später erfolgen.
Sie sagte: hier haben wir einen Fuchs mit einem langen
Schwanz, der umherschleicht, und danach etwas, was überhaupt nicht dazu paßte,
ein Stück Gestricktes vielleicht. Sie sagte: Zeichnet ein Stück Gestricktes. Stellt Euch
vor, wie der Faden verläuft, hinein und heraus. Man erkennt also nicht, wie das
Strickstück aussieht, sondern wie es gemacht ist, seine Struktur.
So entwickelt man ein Gefühl dafür, wie es gemacht ist,
die Bewegung, die in ihm steckt – wie ein Korb geflochten wird – man fühlt
die Struktur eines Gegenstands, wie er entstand: ob von Menschenhand oder natürlich.
Denken Sie mal daran, wie der Bambus wächst – in Schüben. Hoch und immer höher,
bis er sich schließlich öffnet; man erkennt die Bewegung in den Dingen.
Diese Diktate haben natürlich viel Spaß gemacht, denn man
wußte nie, was als nächstes kommt. Ihre Phantasie war großartig, und man mußte
eine ganze Reihe völlig unerwarteter Dinge aufs Papier bringen. Treppen nach
oben und Treppen nach unten, und jemand, der die Treppen hoch und runter ging.
So haben wir Verständnis dafür entwickeln können, was Kunst ausmacht.
Oder noch eine Übung: der Klang ihrer Stimme sollte
grafisch umgesetzt werden. Zum Beispiel „eins und zweeii, eins und zweeii“.
Sie sprach in einem bestimmten Rhythmus, und man mußte ihrer Stimme sehr genau
folgen, sie akkurat umsetzen, damit am Ende alles zu lesen war, was sie gesagt
hatte.
Das ist eine sehr gute und einfache Übung, denn
Rhythmusgefühl hat jeder, und man muß nicht gut zeichnen können, damit etwas
Schönes entsteht.
Drahtfiguren
Und noch etwas möchte ich erwähnen. Ich bin mir sicher, daß wir das auch mit ihr gemacht haben. Sie sagte: Stellt Euch vor, die Figur sei aus Draht so daß man hindurchsehen kann. So entwickelt man ein Verständnis dafür, wie sich die Dinge auf einen zu oder von einem weg oder zur Seite bewegen. Nicht auf akademische Weise, sondern indem man erkennt, was wirklich geschieht, statt bloß zu zeichnen, was da ist. Und wenn man dann zeichnet, was da ist, geht das zugleich einfacher und überzeugender, denn jetzt versteht man ja, was passiert.
Bericht
Sie war sehr leidenschaftlich, sehr temperamentvoll, und
wenn sie den Eindruck hatte, man habe sich um etwas herumgedrückt oder, wie sie
es nannte, einen Bericht gemacht, konnte sie sagen: Ich weiß, daß du sehen
kannst, ich weiß, daß du ein Auge so zeichnen kannst, daß es wie ein Auge
aussieht, aber du mußt den Charakter des Auges treffen.
Einen Bericht nannte sie Folgendes: wenn etwas lediglich eine erkennbare Beschreibung war, aber ohne die Essenz. So etwas akzeptierte sie nicht – sie akzeptierte nichts, das nicht mit voller Konzentration gemalt worden war. Sie verlangte die volle Konzentration.
Portrait von hinten
Sie konnte sagen: Halt! Versucht von links oben nach rechts
unten zu zeichnen. Und sie machte viele Vorschläge, zum Beispiel, einen
Menschen von den Füßen aus aufwärts zu zeichnen und nicht vom Kopf aus abwärts,
oder von der Umgebung aus, vom Gewicht oder vom Gesäß.
Wenn man das Portrait eines Menschen zeichnet und nicht weiß, wo sein Hintern sitzt, dann wird es kein gutes Portrait. Man muß ein vollständiges Bild dessen haben, was man macht und von diesem Bild ausgehend zeichnen und nicht schummeln – das war die Essenz ihrer Lehre.
Zu gut
Als ich mit dem Kohlestift zu gut wurde, sagte sie, ich solle damit aufhören und stattdessen Bleistift, Wasserfarben und Pinsel benutzen oder Tinte und Füller – etwas, was mehr Disziplin erfordert und nicht so leicht zu handhaben ist wie Zeichenkohle.
Collage
Oft verwendete sie die Collage, denn dabei kann man Farben finden und einsetzen, ohne sie mischen zu müssen und sie dabei womöglich zu verschmutzen oder ein großes Geschmier anzurichten. Bei einer Collage bleibt alles sauber, man verschmiert seine Palette nicht, und das ist sehr, sehr hilfreich. Ich habe ein paar Collagen mit ihr gemacht, und sie hat mit den Kindern in Theresienstadt ein paar Collagen gemacht, die sind wirklich wunderbar geworden. Für gewöhnlich wähle ich immer dann die Collage statt der Leinwand, wenn ich einerseits sehr viel Struktur und andererseits viel Farbe haben möchte.
Größe
Manchmal erinnere ich mich an Sätze, die sie gesagt hat,
etwa daß man an der Größe eines Bildes erkennen könne, ob es gut oder
schlecht ist. Ist das Bild schlecht, wirkt es klein – es wird
briefmarkenwinzig. Ist es gut, wirkt es groß, ganz gleich welche Maße es hat.
Manches, was sie sagte, ist so wahr, daß ich es immer wieder wiederhole. Was sie lehrte, gehört zu meinem Wissensschatz. Wenn ich sehe, daß ein Bild zu klein wirkt, dann weiß ich, daß mit der Komposition etwas nicht stimmt.
Theorie
Der Gedanke dabei war, die Welt aus verschiedenen
Blickwinkeln zu betrachten und sich auf das rhythmische Muster dessen zu konzentrieren, was man
sieht, – Beschaffenheit, Entstehung, die Werte der linearen
Komposition. Dann nimmt man einzelne Dinge heraus, damit kein Durcheinander
entsteht. Man muß alles ganz klar erkennen. Und dann stellt man alles wieder
zurück, wohl geordnet.
Es muß kein realistisches Bild sein, aber aus verschiedenen Erfahrungen gewonnen.
Es gibt Struktur, Werte, Raum, aber ich glaube, der
Rhythmus bringt sie alle erst zu einander, denn er ist universal.
Wahrscheinlich folgte ihr Unterricht einem bestimmten
System: Rhythmus, Struktur, Diktat. Als wir zusammenarbeiteten, war das nicht im
herkömmlichen Sinne systematisch: wir konnten mit einem Stilleben anfangen,
und dann ergab sich plötzlich etwas anderes, und wir gingen raus aufs Land oder
machten etwas ganz anderes. Und sie brachte auch Leute, die uns Modell saßen und
vieles mehr – in diesem Sinne war der Unterricht also nicht systematisch.
„Ich weiß, daß du begabt bist, aber was machst du aus deiner Begabung?! Das ist das Entscheidende.“ Mir Kindern ging sie natürlich ganz anders um. So etwas kann man nur von einem Erwachsenen oder einem Jugendlichen verlangen. .Ein Kind muß man loben, es annehmen und nichts von ihm fordern, außer Begeisterung für die Sache. Man muß Kinder auf ihrer Entwicklungsstufe abholen und sie nicht treiben. Man kann ein Kind nichts neues lehren, nur das was es bereits weiß, was ihm aber noch näher erklärt werden muß.
Lehrerin und Schülerin
Was sie lehrte, gehört zur Ausbildung der Künstler, seit
es Kunst gibt. Es war nichts Neues. Das Besondere war die Art, in der sie es zu
dieser bestimmten Zeit formulierte, im Augenblick des Fehlens jeglicher
Tradition. Fehlen Traditionen, muß man noch deutlicher erklären, worum es
geht.
Ich war die Schülerin, und sie war die Chefin, und sie verlangte viel. Ich gab mein Bestes, und manchmal lehnte ich mich auch auf.
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