
Leseprobe aus
Emma Restall Orr
Druidenweisheit
Vorstellung ...
Vor
unserem inneren Auge steht der alte Druide, eine Vorstellung, die wir als echt,
als klassisch übernommen haben. Er ist hager, um die 70 Jahre alt, mittelgroß,
hat langes, wirres Haar und einen noch längeren, spitz zulaufenden Bart. Er trägt
ein schlichtes cremeweißes Gewand und über den Schultern einen dunklen Umhang
mit weich fallender Kapuze; seine Füße stecken in Sandalen. In der Hand hält
er einen Mistelzweig, eine goldene Sichel oder einen reich verzierten Holzstab.
Auch wenn die
Details variieren, stets trägt er Aspekte jener feinfühligen und doch
kraftvollen alten Männer, die uns im Leben begegnet sind, vermischt mit Bildern
aus Märchenbüchern und Fantasyromanen, die wir gelesen und Filmen, die wir
gesehen haben. Ob von lichter oder dunkler Erscheinung, der alte Druide ist
stets ein Quell universaler, überwältigender Weisheit.
und Wirklichkeit
Der
starke Geist dieses Alten, seine Gewissheit und geistige Beweglichkeit, seine
Verbundenheit mit der Natur, seine Feinfühligkeit und Weisheit – sie sind
kraftvolle Quelle der Inspiration, selten aber objektive Realität. Das Bild des
modernen Druiden umspannt ein enormes Spektrum, das zusehends breiter und
variantenreicher wird. Heute kann ein Druide ebenso gut eine Frau wie ein Mann
sein und einer beliebigen Gesellschaftsschicht, jeder Religion und jedem
Bildungsstand angehören. Druiden sind gut oder schlecht situiert, beiderlei
Geschlechts und beliebiger Rasse oder Nationalität. Menschen aller Altersstufen
fühlen sich der Tradition verbunden, von den Kindern von Druiden bis zu
Hochbetagten. Ein Druide kann in der Stadt oder auf dem Land leben, kann
Rechtsanwalt oder Grundschullehrer sein, Kunststudent oder Krankenschwester,
Buchhalter, alternativ lebender Naturschützer oder Inhaber einer Softwarefirma.
Was ist es also,
das alle diese Menschen zusammenbringt um eine uralte Tradition zu lernen und zu
feiern? Was ist Druidentum?
....
Wer
waren die Kelten?
Oft
heißt es, die Druiden seien die Priesterschaft der Kelten gewesen. Wenn das
zutrifft, wo sind dann die Kelten in den wechselnden Farben und Klimaten dieser
Inseln?
Der Begriff Keltoi
wurde zum ersten Mal von griechischen Historikern verwendet, die damit im fünften
Jahrhundert v.u.Z. einige Völker nördlich der Alpen beschrieben. An diese
Schriften erinnerten sich Archäologen im letzten Jahrhundert, als sie Indizien
für eine Stammeskultur im Österreich der frühen Eisenzeit entdeckten. Die
Funde – Bronzeobjekte und Bilder auf Töpferwaren – vermitteln einen
Eindruck vom Leben dieser Kultur mit Darstellungen von Musikern, Barden, Tänzern,
Priestergestalten und Gottheiten.
Die Kultur breitete
sich aus. In Britannien findet man erste Spuren ab Anfang des 6. Jahrhunderts
v.u.Z., danach scheint sie langsam südwestlich zur iberischen Halbinsel, östlich
bis zur Türkei und nördlich bis nach Schottland und Irland gezogen zu sein.
Als Julius Cäsar 400 Jahre nach den Griechen von den Celtae
sprach, bezeichnete er damit ein Volk in der Mitte und im Süden
Frankreichs. So lässt sich nur schwer sagen, wer die Kelten waren. Die
keltische Kultur ist schlicht die Kultur der eisenzeitlichen Menschen in Europa.
Die
klassischen Quellen
In
den Schriften römischer Krieger und Historiker finden sich die ersten Zeugnisse
(wenn auch politisch voreingenommen) der uralten Religion. Sie zeichnen ein Bild
der Druiden als gebildete Elite mit großem Einfluss in Politik und Recht, in
Philosophie, Geschichte und Bildungswesen, in Medizin und Magie und als diejenigen,
die religiöse Rituale vollzogen oder überwachten.
Julius Cäsar
schrieb im 1. Jahrhundert v.u.Z. als einer der Ersten über Druiden und
gehörte zu den Wenigen, die einen Druiden persönlich kannten: den Stammesfürsten
Divitiacus. In Cäsars Werk begegnen wir zum ersten Mal dem gallischen Wort ‚druid’.
Die Ursprünge dieses Wortes sind jedoch umstritten. Im allgemeinen nimmt man
an, dass die erste Silbe von dem Wort für ‚Eiche’ kommt, das in vielen
europäischen Sprachen drui ähnelt. Die zweite Silbe könnte vom indo-europäischen
Wortstamm wid
abgeleitet sein, was ‚Weisheit’ bedeutet. Der Druide ist also, so wird
vermutet, der Bewahrer der Weisheit der Eiche. Jede Kenntnis der alten Religionen kann
immer nur bruchstückhaft sein, weil das Druidentum mündlich überliefert
wurde. Druiden schrieben nie auch nur einen einzigen Aspekt ihrer Religion auf.
Ein Grund dafür lag zweifellos darin, dass so die Gefahr der Entweihung und des
Missbrauchs ihrer Lehren gemindert werden konnte.
Der
Beitrag der Römer
Die
Römer versuchten, die Druiden auszurotten, doch war es nicht ihre Religion, die
den polytheistischen, heidnischen römischen Imperialisten bedrohlich erschien,
sondern die politische Macht, die sie über ihre Stämme ausübten. Die Römer
waren nicht als Siedler gekommen, sondern als Herrscher, und was in britischen Königreichen
Wert hatte, natürliche wie menschliche Ressourcen, Handelsbeziehungen und
Bildung, stand unter der Aufsicht der Druiden. Daher überrascht es nicht, dass
hinter Aufständen gegen die Armeen der Eroberer oft Druiden standen.
Mit dem Einfall der
Römer in Britannien, schwand der Einfluss der Druiden. Ihre frühere Rolle
sollten sie nie wieder einnehmen können, auch wenn ihr Werk in Irland und den
äußersten Regionen Schottlands, wohin die römischen Eroberungszüge nicht
reichten, fortbestand.
Als Quellen, aus
denen moderne Druiden Erkenntnisse über ihre spirituellen Ahnen gewinnen können,
hinterließen die Römer jedoch nicht nur ihre Schriften, sondern auch Bilder
und Inschriften über den Charakter der Götter – nicht nur derjenigen, die
sie mitgebracht hatten, sondern auch der vor Ort verehrten Gottheiten. Durch
diese Inschriften entdecken moderne Druiden die Namen etlicher älterer Götter.
Mittelalterliche
Erzählungen
Als
der Einfluss der Druiden zuerst unter der römischen Herrschaft und schließlich
durch die Tyrannei des Christentums geschwunden war, lebte die Essenz des
Glaubens am stärksten in Kunst und Handwerk der Barden fort. Die ersten
schriftlichen Zeugnisse der druidischen Tradition aus nicht-klassischer Quelle
datieren vom Ende des 6. Jahrhunderts an: die mittelalterliche Bardenliteratur
aus Wales und Irland. Die Barden gehörten zur Kaste der Druiden
und hatten die Aufgabe, die Identität des Stammes und die Stärke des Königs
durch eine Genealogie zu festigen, die oft bis zu den Göttern zurückreichte.
Die römischen Eroberer empfanden die Barden nicht als Bedrohung; sie lebten
daher unbehelligt als Unterhalter und Märchenerzähler fort. So gaben sie nicht
nur den Wissensschatz ihres Handwerks, sondern, geschickt verkleidet, auch einen
großen Teil der Druidenweisheit weiter.
Im sechsten
Jahrhundert zogen die Sachsen, Angeln und Jüten auf der Suche nach
besiedelbarem Land westwärts, wer die Neuankömmlinge nicht tolerieren konnte
oder wolle, den trieben sie westwärts vor sich her. Damit entstanden zwei
Interessenlinien: die eine bei den Zuwanderern, die neugierig auf die Kultur
waren, die durch ihre Gegenwart verwässert wurde und die zweite bei den ansässigen
Stämmen, denen es ein immer dringenderes Bedürfnis wurde, eben diese Kultur zu
schützen. Prosa, Dichtung und Lieder aus dieser Zeit sind keine unverfälschte
Wiedergabe der alten Bardensagen, sondern mit einem deutlichen, wenn auch
wunderbar kreativen griechisch-römischen und christlichen Überzug versehen.
Viele moderne Druiden erachten diese Erzählungen als wertvollste Quelle
spiritueller Inspiration; für sie mindert die Vermischung der Kulturen den Wert
keineswegs. Auch dies ist Ausdruck der Entwicklung einer Religion, die Kreativität
und die Götter der gesamten Schöpfung ehrt. Die historischen Ursprünge des Druidentums
sind daher nicht völlig klar. Und doch bietet die Tradition allen, die aus dem
Blick zurück Inspiration schöpfen wollen, Tausende von Möglichkeiten, sich zu
versenken und tief einzulassen.
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