
Leseprobe aus
Rachel Pollack
Der illustrierte Ratgeber - Tarot
Pfade im Baum des Lebens
Die mittelalterlichen Kabbalisten glaubten, Gott habe die Welt durch zehn Emanationen reiner Energie geschaffen. So entwickelten sie den Baum des Lebens als Symbol zur Darstellung der Beziehungen zwischen diesen zehn Sephiroth. Sobald dieses mächtige Diagramm geschaffen war, konnten sie damit experimentieren. Ihre Visionen haben unser Verständnis des Tarot mit geprägt.
Eine Methode sieht den Baum als eine Gruppe aus drei Dreiecken mit einer abschließenden Karte. Man könnte diese Sicht mit den drei Ebenen der Großen Arkana vergleichen. Das oberste Dreieck, das Gott am nächsten ist, steht für die drei letzten Karten, für das Reich des Höheren Bewusstseins. Das zweite Dreieck symbolisiert die Gruppe der mittleren Karten, das Unbewusste und das dritte die Ebene des Bewusstseins (dies ist nur eine von mehreren Möglichkeiten). Die abschließende Karte, Malkuth oder Königreich, symbolisiert die äußere Realität, kann aber auch für den Narren stehen, der sich auf seiner Reise den Herausforderungen der drei Ebenen stellen muss.
Weiter unterteilten die Kabbalisten den Baum in drei senkrechte Säulen. Die rechte Säule nannten sie die Säule der Expansion oder des Erbarmens, die linke die der Kontraktion oder der Gerechtigkeit. Gäbe es einzig diese beiden gegensätzlichen Säulen, würde das Universum nicht weiterbestehen, denn sie zerren so stark in verschiedene Richtungen, dass das Universum zerrisse. Die mittlere Säule der Liebe hält beide im Gleichgewicht.
Auch das Tarot kennt dieses Thema. Viele Karten zeigen Dualität oder Spannungen, oft hält dabei eine Figur in der Mitte die beiden Seiten zusammen. Bei den Liebenden segnet der Engel Mann und Frau; der starke Wille des Wagenlenkers hält die schwarze und die weiße Sphinx im Zaum und so weiter.
Ein symbolisches System verbindet die Trümpfe auf ganz besondere Weise mit den Sephiroth. Das hebräische Alphabet hat 22 Buchstaben, ebenso viele wie das Tarot Trümpfe. Die Kabbalisten entwickelten die Vorstellung von den 22 „Pfaden“ zwischen den Sephiroth. Ihren Verlauf kennen wir bereits; gegenüber sind die den Pfaden entsprechenden Karten eingezeichnet.
Man kann dieses Diagramm vielfältig einsetzen. Zum einen kann man jede Trumpfkarte als Verbindung zwischen zwei Sephiroth sehen. Der Narr gehört zum Buchstaben Aleph, dem Pfad von der obersten Sephirah, Kether (Krone), zur zweiten, Chokmah (Weisheit). Die Krone symbolisiert die Öffnung für den unendlichen Gott. Chokmah ist, wie die griechische Gnosis, das Bewusstwerden der göttlichen Wahrheit. Die Reise des Narren kann so als der Pfad vom menschlichen Verständnis zum Wunder unfassbarer Vollkommenheit verstanden werden.
Die Linie zwischen Kether und Chokmah führt nicht nur in eine Richtung. Auf diesem Pfad kann man „nach oben“ zu Kether reisen, genauso ist aber vorstellbar, dass der Narr Kether verlässt und sich „nach unten“ zu der menschlicheren Eigenschaft Chokmah begibt. Deshalb scheint es auf der Waite-Karte, als falle der Narr eben von einer Klippe und deshalb wird der Narr zuweilen als Seele beschrieben, die einen Körper annimmt, um geboren zu werden und aus all den Erfahrungen zu lernen, die man nur in einem Leben auf dieser Welt machen kann.
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